Fokus statt Feature-Monster
Was es nicht auf den ELW-Server geschafft hat
Wer sich heute nach Server-Lösungen umsieht, wird von mächtigen Open-Source-Paketen regelrecht überrollt. Im Homelab machen diese All-in-One-Systeme Spaß, liefern unzählige Funktionen und fühlen sich herrlich vollständig an. Im Einsatzleitwagen (ELW) sieht die Realität jedoch anders aus. Dort zählen Stabilität, Verständlichkeit und ein möglichst wartungsarmer Betrieb.
Nicht jede Software, die im Labor überzeugt, besteht auch den Praxistest im mobilen Einsatz. Deshalb gibt es neben der produktiven Umgebung auch eine ganz bewusste „Absageliste“ – Lösungen, die ich getestet oder bewertet, am Ende aber verworfen habe.
Der Elefant im Raum: Nextcloud
Fragt man Internetforen oder KI nach einer Collaboration-Plattform, fällt fast reflexartig der Name Nextcloud. Die Software gilt für viele als Standardlösung, wenn es um Filesharing, Kalender, Kontakte und Zusammenarbeit geht. Ich habe Nextcloud selbst lange betrieben, mich für den Einsatz im ELW jedoch bewusst dagegen entschieden.
Ein wesentlicher Punkt ist die Wartungsintensität. Eine Nextcloud-Instanz ohne Warnmeldungen im Admin-Panel ist eher die Ausnahme als die Regel. Kaum ist ein Problem behoben, bringt das nächste Update neue Hinweise, Abhängigkeiten oder Optimierungsbedarf mit sich.
Hinzu kommt der technische Unterbau. PHP-Konfigurationen, Datenbank-Tuning oder Rechte-Probleme lassen sich im ruhigen Serverraum lösen, aber sicher nicht in einem Einsatzfahrzeug unter Zeitdruck. Dort muss Software starten und funktionieren, ohne Nacharbeit.
Auch aus Nutzersicht ist der Funktionsumfang nicht nur ein Vorteil. Die sprichwörtliche „eierlegende Wollmilchsau“ wirkt auf Gelegenheitsnutzer schnell überladen. Zu viele Menüs, Apps und Möglichkeiten führen eher zu Unsicherheit als zu Akzeptanz.
Meine Philosophie im ELW lautet daher: Spezialisten statt Generalisten. Lieber mehrere schlanke Dienste, die jeweils eine Aufgabe zuverlässig erfüllen, als ein großes System, das alles kann, aber entsprechend komplex bleibt.
Weitere Kandidaten auf der Absageliste
Neben Nextcloud standen noch weitere Lösungen auf dem Prüfstand, die konzeptionell gut ins Setup gepasst hätten, es am Ende aber nicht ins finale System geschafft haben.
Seafile war zunächst ein naheliegender Kandidat für Dateisynchronisation und Datenaustausch. Der klare Fokus auf Filesharing ist grundsätzlich sympathisch und reduziert die Komplexität gegenüber großen Groupware-Lösungen. In der praktischen Umsetzung zeigte sich jedoch, dass Installation und Betrieb unnötig kompliziert ausfallen können. Für eine Umgebung, die im Einsatzfall einfach und ohne Reibungsverluste funktionieren muss, war mir das zu aufwendig.
TrueNAS schließlich scheiterte weniger an der Qualität als an der Dimension. Als Storage-Betriebssystem ist es extrem leistungsfähig und für zentrale Serverinfrastrukturen absolut sinnvoll. Für die spezifischen Anforderungen im Fahrzeug war das Gesamtpaket jedoch deutlich überdimensioniert. Der betriebliche Overhead steht in keinem sinnvollen Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen im mobilen Einsatz.
Immich hingegen spielt seine Stärken in der Fotoverwaltung aus. Für private Fotoclouds oder Organisationsarchive ist die Lösung technisch beeindruckend. Im Kontext des ELW ergab sich jedoch ein Redundanzproblem. Einsatzrelevante Bilder müssen in erster Linie schnell verfügbar und teilbar sein, nicht langfristig verwaltet oder kuratiert werden. Dieser Zweck lässt sich über Mattermost deutlich direkter erfüllen, ohne eine zusätzliche Plattform betreiben zu müssen.
Hinweis zur Fotoverwaltung:
Immich bleibt weiterhin ein Favorit für stationäre Setups, etwa für das zentrale Fotoarchiv einer Hilfsorganisation oder Feuerwehr. Nur eben nicht direkt im Einsatzfahrzeug bzw. für den Einsatz
Fazit: Weniger ist mehr
Der Markt bietet eine beeindruckende Vielfalt an leistungsfähiger Open-Source-Software. Doch Funktionsumfang allein ist kein Qualitätsmerkmal, zumindest nicht im Kontext eines Einsatzleitwagens.
Im mobilen Einsatz zählen vor allem:
- Stabilität
- einfache Bedienbarkeit
- minimale Wartung
- klare Aufgabenverteilung
Komplexität wird dort schnell zum Risiko. Schlanke, spezialisierte Dienste sind großen Komplettlösungen in diesem Szenario deutlich überlegen. Für den schnellen Austausch und die operative Zusammenarbeit haben sich deshalb dedizierte Kommunikationslösungen als praxistauglicher erwiesen als umfangreiche Groupware-Plattformen.